«Kinder müssen erst die Erfahrung machen, etwas Eigenes zu besitzen, bevor sie bereit sind zu teilen. Erst wenn das Ich stabil ist, entsteht Raum für das Wir» (vgl. Largo,
Kinderjahre).
Für Kinder zwischen ein und vier Jahren ist das Festhalten an etwas Eigenem kein Zeichen von Egoismus, sondern Ausdruck einer zentralen Entwicklungsaufgabe: Dem Aufbau eines stabilen Ich -
Bewusstseins. Diese Phase, häufig auch als Autonomiephase bezeichnet, ist geprägt vom Entdecken des eigenen Willens und der Erfahrung, Entscheidungen zu treffen. Der Kinderarzt und
Entwicklungsforscher Remo Largo beschreibt diesen Prozess als notwendige Voraussetzung für soziales Verhalten: Kinder müssen sich selbst als eigenständige Personen erleben, bevor sie bereit sind,
«sich zu teilen». Wer sich selbst noch nicht sicher erlebt, kann nicht freiwillig abgeben.
Ein Beispiel verdeutlicht dies: Ein zweijähriges Mädchen hält ihre Puppe fest im Arm, während ein anderes Kind sie haben möchte. Das Festhalten ist für sie nicht Trotz, sondern Selbstschutz. Sie
verteidigt das Gefühl, etwas Eigenes zu besitzen. Wird sie in diesem Moment zum Teilen gedrängt, erlebt sie Verlust, nicht Gemeinschaft. Wird sie jedoch verstanden – etwa Worte wie «Du möchtest
die Puppe behalten, sie ist dir wichtig» - erfährt sie emotionale Sicherheit. Erst aus dieser Sicherheit heraus kann Empathie entstehen.
Echte Großzügigkeit erfordert Fähigkeiten, die sich erst allmählich herausbilden: Empathie, also die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen; Impulskontrolle, um eigene Wünsche aufschieben zu
können; und Perspektivübernahme, das Verstehen, dass andere Menschen ein eigenes Erleben und Wollen haben. Diese Kompetenzen beginnen sich erst zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr zu
entwickeln und reifen erst weit darüber hinaus.
Wenn Eltern und Fachkräfte die Entwicklungsbotschaft hinter dem «Das ist meins»- Verhalten verstehen, können sie Kinder durch einfache, feinfühlige Handlungen unterstützen. Die folgenden Impulse
zeigen, wie sich das Teilen lernen auf natürliche Weise fördern lässt:
Vorbild statt Aufforderung
Kinder übernehmen soziale Verhaltensweisen vor allem durch Beobachtung. Wenn Erwachsene teilen, anbieten oder abgeben, entsteht ein authentisches Modell. Gelebte Grosszügigkeit wirkt nachhaltiger als jede Aufforderung.
Emotionen anerkennen
Das Bedürfnis eines Kindes, etwas behalten zu wollen, sollte nicht korrigiert, sondern verstanden werden. Eine ruhige verbale Spiegelung «du möchtest es behalten, das ist dir wichtig» vermittelt
Sicherheit. «Schau, der andere Junge möchte dies auch gerne haben. Was könnten wir tun?» So lernt das Kind andere gleichzeitig wahrzunehmen und eine Lösung für das Problem zu finden.
Sicherer Rahmen schaffen
Kinder teilen eher, wenn sie sich geborgen fühlen. Fremde Kinder, grosse Gruppen oder Stress hemmen soziales Verhalten. Spielmomente in kleinen vertrauten Gruppen helfen – in Sicherheit entsteht Grosszügigkeit.
Alternativen ermöglichen
Teilen bedeutet nicht zwingend Abgeben. Sich Abwechseln, gemeinsames Spielen oder nur das Zeigen vom beliebten Gegenstand sind Wege, die soziale Kompetenz zu fördern.
Vertrauen in die Entwicklung
Soziale Reifung folgt keinem festen Schema. Geduld und Vertrauen in den individuellen Entwicklungsrhythmus des Kindes bestärken die soziale Sicherheit.
Wenn ein Kind also mit Nachdruck „Das ist meins!“ sagt, zeigt es keine Unhöflichkeit, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst. Eltern und Fachkräfte, die das verstehen, unterstützen Kinder auf ihrem Weg zur echten sozialen Reife. Wie wireltern.ch schreibt: „Teilen lernen beginnt nicht mit dem Geben, sondern mit dem Erkennen des eigenen Ich.“
Quelle:
- Remo H. Largo: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Piper Verlag
- Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Beltz Verlag
- wireltern.ch: Warum Kinder erst Ich sagen müssen, bevor sie teilen können, 2023
small Foot AG - Die Kinderkrippe / Hauptsitz
Isabelle Manigk
(Pädagogische Co-Leitung)
